Text und Szene

Das Institut für Sprachkunst trifft auf theatrale Praxen

12. Januar 2026
Studierende des Instituts für Sprachkunst widmen sich in diesem Studienjahr gemeinsam mit mehreren Theatern Fragen theatraler Textproduktion. Wir sprachen mit Gerhild Steinbuch dazu und zur Einbindung in weitere aktuelle Theaterprojekte.

Ein „Ohr auf zwei Beinen“ bewegt sich neuerdings durch Wien um „zuzuhören“. Einem wandernden Sinnesorgan gleich betritt es wiederkehrend den öffentlichen Raum, Stationen seines in Aktion-Tretens waren bereits die Vienna Pride, die lange Nacht der Wiener Märkte, das Wiener Stadion, städtische Bäder, die Vienna Comicon, der Wiener Eislaufverein, Würstelstände und weitere öffentliche Plätze wie Parks, Spielplätze, U-Bahnen.
Über die gesamte Spielzeit wird man diesem Ohr weiter in allen Bezirken begegnen können –  es hört der Wiener Bevölkerung „radikal“ zu. Will heißen: ohne Widerrede, offen für alle nimmt es in diversen situativen und räumlichen Kontexten Sprachmaterial auf. Wer gehört werden will, findet in ihm sprichwörtlich ein offenes Ohr, überall, wo es auftaucht.

Als Methode künstlerischer Recherche entsteht so ein Materialkomplex, der als Grundlage und Ausgangspunkt künstlerischer Auseinandersetzung dienen wird. Für das Volkstheater und für die Studierenden des Instituts für Sprachkunst. Diese setzen sich im Rahmen einer begleitenden Lehrveranstaltung damit eingängig auseinander: „Das Besondere am Projekt Volksohr" ist für Gerhild Steinbuch, Co-Leitung des Instituts an der Angewandten, „die Beschäftigung mit O-Tönen aus der Stadtgesellschaft, das genaue Hineinhören in ein vielstimmiges Wien. Was erzählen Menschen der Kunstfigur, aber auch: Wie erzählen sie es? Und was heißt es für die Sprachkunst-Autor*innen, verantwortungsvoll mit diesen O-Tönen, den Geschichten, Sprachrhythmen und Sprachen zu arbeiten?“

Unter Betreuung von Matthias Seier (Volkstheater) arbeiten die Studierenden an individuellen Beiträgen, die im Rahmen der Stückproduktion wieder ins theatrale und damit öffentliche Feld zurückwandern. Am Ende des Jahres steht deren Präsentation – Format und Inhalte stehen also aktiv mit den Studierenden in Entwicklung im Rahmen einer Lehrveranstaltung. Was daran auch für das Volkstheater interessant ist, erläutert Seier: „Das Volksohr ist nicht nur eine soziale Plastik, nicht nur implizit gespeicherte Chronik eines Jahres, nicht nur rätselhafter Akteur im Stadtleben – sondern eben dieser neue Modus, Text und Inhalt zu gewinnen. Und dabei so facettenreich, so unverfälscht und roh, so banal und besonders, wie Alltagskommunikation eben ist. Die Studierenden blicken automatisch mit fremden Augen auf diesen gigantischen Textkorpus. Sie lesen die Transkripte anders und graben vielleicht neue Bedeutungen heraus, die sich erst durch ihren Außenblick ergeben.“

Auch dramaturgisch wird das Projekt als kollektive künstlerische Textgewinnung verstanden. Julia Engelmayer, die betreuende Dramaturgin am Volkstheater, dazu warum die Zusammenarbeit mit Studierenden der Angewandten spannend ist: „ Es ist für das Projekt eine große Bereicherung und nur konsequent, auch im künstlerischen Prozess unterschiedliche Formen der Arbeit am Text aufzunehmen. Nicht nur der im Stadtraum gesammelte Text, sondern auch der künstlerische Zugriff ist während dieser Phase des Projekts kollektiv und multiperspektivisch. Wie offen die Autorenschaft für die finale Fassung sein wird, wird sich noch herausstellen. Aber der Text wird allein schon durch die gemeinsame Reflexion im Seminar ein kollektives Produkt.“
 
Bei genau dieser können die Studierenden direkt und praxistauglich über das Schaffen und Schreiben für das Theater lernen, Entscheidungen treffen. „Wie generiere ich aus einem rohen Transkript einen bühnentauglichen Sprechtext oder gleich eine ganze Szene? Wie schäle ich aus dem Sprechsalat die darin liegenden Konflikte, Widersprüche, Gefühle heraus? Welche Momente wähle ich dafür aus, und welche lasse ich dafür links liegen?“ Die Arbeit mit dem Text wird so zu lebendigen und kontroversen, kuratorisch-dramaturgischen Aufgabe. „Ganz praxistauglich bedeutet das: Sampling und Remix als literarische Strategie (auch in der Theater- und Probenarbeit), Redigieren und Auswählen als künstlerischer Prozess“, erläutern Engelmayer und Seier. 
Theater als Arbeitsfeld – Kooperationen und Vernetzung 
 
Um eben solche praktische Erfahrungen im realen Kulturbetrieb erfahrbar zu machen und auch als wichtigen und interessanten Input aus der Universität heraus in die zeitgenössische Kulturpoduktion zu fördern, setzt das Institut für Sprachkunst regelmäßig auf Projekte mit Partner*innen des Kultur- und Literaturbetriebs. Die Ausbildung, die alle Gattungen literarischen Produzierens umfasst, ist so entsprechend breit wie die Kooperationsprojekte und Inhalte.
„Am Institut für Sprachkunst ist uns die Arbeit mit Text in unterschiedlichen Gattungen und durch verschiedene Formen der Zusammenarbeit mit anderen Künsten wichtig. Einer unserer Schwerpunkte liegt dabei auf Texten, die mit und für das Theater geschrieben werden.“ führt Steinbuch weiter aus. Dafür haben werden in diesem Jahr mit drei verschiedenen Häusern in Wien – dem Volkstheater, dem Burgtheater und dem Schauspielhaus – jeweils spezifische Formate entwickelt, in denen Texte aus der Sprachkunst auf verschiedene theatrale Praxen treffen, sich austauschen und weiterentwickeln.
Dieser Logik folgend steht die Sprachkunst auch im nächsten Frühjahr am Programm des Schauspielhauses. „Nach zwei erfolgreichen Symposien mit dem Wiener Schauspielhaus und in Kooperation mit den Wiener Wortstätten, zuletzt zu Sprache und europäischen Bündnispolitiken im Angesicht autoritärer Tendenzen, freuen wir uns sehr darauf, diese Zusammenarbeit nun im Frühjahr 26 weiterführen und unsere Autor*innen mit Kolleg:innen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz vernetzen zu können.“ (BS)